Jahresbericht DJH-MV 2019: 30 Jahre DJH-MV - das Ehrenamt im Interview

30 JAHRE LANDESVERBAND MECKLENBURG-VORPOMMERN e. V.:

Hier ist das Ehrenamt gefragt!

Dr. Wolfgang Brix, Gründungsmitglied und seit 2014 Präsident des DJH-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern e. V. und Carsten Klehn, von 1997 bis 2003 ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender berichten im Interview von den Gründungsjahren, den damaligen und heutigen Herausforderungen eines gemeinnützigen Betriebs; und sie beantworten aus ihrer Sicht die Frage, wie der DJH-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e. V. seine Zukunft nachhaltig sichern kann.

 

Dr. Wolfgang Brix, Jahrgang 1950, ist Pensionär und lebt verheiratet in der Nähe von Stralsund. Er studierte Sport und Geschichte an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam, promovierte an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau und war später Lehrer in Stralsund. Als Gründungsmitglied des DJH-Landesverbandes M-V war er von 1990 bis 2005 Beisitzer und stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes, seit 2006 Mitglied des Verwaltungsrates (heute Aufsichtsrat) und seit 2014 Präsident des DJH-Landesverbandes M-V. Von 1999 bis 2011 war Brix Beisitzer im DJH-Hauptvorstand des DJH-Hauptverbandes und ist Träger der goldenen DJH-Ehrennadel.


 

 

Carsten Klehn, Jahrgang 1968, lebt in Rostock. Seit Mai 2015 leitet der Betriebswirt den Bereich Unternehmenskommunikation der städtischen Wohnungsgesellschaft WIRO in Rostock. Mehr als 20 Jahre arbeitete er als freier Journalist mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Ostseeanrainer, unter anderem für die Radioprogramme des NDR sowie für Zeitungen und Magazine. Wichtige Standbeine: Moderationen im kleinen und großen Rahmen sowie Buch-Projekte. Der gebürtige Mecklenburger mit Wurzeln in Rostock, Rerik und Parkentin ist verheiratet und hat zwei Töchter.
 


 

 

Herr Dr. Brix, als Gründungsmitglied des DJH-Landesverbandes M-V und Präsident seit 2014 sind Sie Mann der ersten Stunde. Herr Klehn, Sie waren im DJH-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e. V. im seinerzeit ehrenamtlichen Vorstand tätig, von 1990 bis 1997 als Beisitzer des Vorstands und von 1997 bis 2003 dann als Vorstandsvorsitzender. Wie kam es bei Ihnen beiden zum Engagement bei den Jugendherbergen?

Brix: Als die Vorbereitungen für die Gründung des DJH-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern e. V. begannen, kam die Anfrage ob ich mir eine Mitarbeit vorstellen könnte. Da wurde ich sofort hellhörig, denn mit Jugendherbergen habe ich zu der Zeit schon viele positive Erinnerungen verbunden. Ich kannte die Jugendherbergen der DDR durch ganz unterschiedliche Reisen: Mit der Familie, in meiner Tätigkeit als Lehrer auf Klassenfahrten oder durch Fahrten mit Jugendgruppen. Das ganze Spektrum also, für das Jugendherbergen heute noch stehen. Und bei all diesen Reisen waren sie für mich immer Orte für kollektive Freizeiterlebnisse gewesen. Also musste ich nicht lange überzeugt werden.

Klehn: Bei mir ging es etwas indirekter vonstatten: Zum Jahreswechsel 1989/90 kursierten bereits erste Berichte, dass hier und da Jugendherbergen meistbietend verkauft werden sollten. Das fand ich nicht gut. Denn in Jugendherbergen hatte ich auf Wanderungen und Radtouren nicht nur ein Bett gefunden, sondern Gemeinschaft erlebt und Freunde gefunden.  In einer Zeitung habe ich im Winter 1990 gelesen, dass ein Jugendherbergsverband gegründet werden soll. Das fand ich spannend. Bis dahin kannte ich nur Vereinigungen oder Klubs unter dem Dach großer DDR-Organisationen wie dem Kulturbund.

 

Was waren außerdem Motivation und Triebfeder für ein Engagement in Form eines Ehrenamts, das ja dem Einzelnen immer auch einen hohen Einsatz abverlangt?

Brix: Ich konnte mich mit den Aufgaben und Zielen, für die das Deutsche Jugendherbergswerk stand und immer noch steht, sehr gut identifizieren. Ehrenamt funktioniert für mich ideal für eine Sache, für die man wirklich brennt. Und ich war der Meinung, dass damals auch in den neuen Bundesländern ein Netz von Jugendherbergen weiter bestehen und nicht verschwinden sollte. Es war klar: Wenn wir das damals nicht angegangen wären, hätten wir eine große Chance verpasst. Wir mussten einfach handeln.

Klehn: Bis zu meinem Ausscheiden aus dem Ehrenamt – zunächst aus dem DJH-Bundesvorstand und am 8. November 2003 aus dem Vorstand des Landesverbandes – gab es viel Arbeit. Sehr viel Arbeit. Unzählige Wochenenden. Geld gab es dafür nie und doch war diese Zeit unglaublich bereichernd. Ich bin sehr glücklich damit! Denn ich habe Engagement und Zeit für eine wichtige und gute Sache „investiert“, ich konnte Erfahrungen sammeln und viele Menschen kennenlernen.

 

In der Zeit Umbruchs einen Verein zu gründen: Wie ging das vonstatten?

Klehn: Das Vereinsgesetz musste erst noch geboren werden: am 21. Februar 1990. Als sich am 3. März 1990 viele Mitarbeiter von Jugendtourist, von den Betrieben für Jugendherbergen in den DDR-Bezirken und aus den Herbergen in Ruhlsdorf – nördlich von Berlin – versammelten, war ich aus purem Zufall zugegen. Wohl nur an einem Tisch saßen ein paar Wanderer. Von einer Rennsteig-Tour kannte ich einen der Teilnehmer. Als der Verband aus der Taufe gehoben und Kandidaten für den Vorstand gesucht wurden, sprang er auf und schlug mich vor. Ich war mit 21 der jüngste Kandidat und der einzige, der nicht mit Jugendherbergen „verheiratet“ war – und wurde gewählt. Mein erster Termin war ein Besuch vom DJH-Stand auf der Reisemesse ITB in Berlin, das weiß ich noch wie heute. Und einen Monat später, am 7. April, gründete sich der DJH-Landesverband M-V. Ich bin dann im Herbst 1990 in den Vorstand im Nordosten gewählt worden. Nach dem Beitritt der Landesverbände zum DJH löste sich der DDR-Verband auf seiner ersten Mitgliederversammlung im Dezember 1990 wieder auf. Ich wurde mit einem Vorstandskollegen als Beisitzer in den DJH-Bundesvorstand kooptiert, im Jahr darauf gewählt.

 

Im April 2020 wurde der DJH-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e. V. 30 Jahre alt, er wurde im Jahr der Wiedervereinigung 1990 gegründet. Wie sah die Jugendherbergslandschaft an diesem Startpunkt in doppeltem Sinne aus? Welche Strukturen bestanden, welche mussten neu geschaffen werden?

Klehn: Die Stunde Null. Das war eine echte Vakuumzeit. Es gab unendlich viele neue Möglichkeiten, andererseits war noch unklar, was genau kommen wird. Mit der Wiedervereinigung gab es Änderungen in allen Bereichen, auch im gesellschaftlichen Zusammenleben – in einem unvorstellbaren Tempo und Umfang, mit vielfältigen Auswirkungen bis heute. Die Mitarbeiter in den Jugendherbergen und in der Geschäftsstelle hatten alle Hände voll damit zu tun, die Prozesse neu zu organisieren. Denn die alte Jugendherbergswelt war eine andere. Nur ein Beispiel: Bis 1989 wurde die Auslastung der Herbergen über ein zentrales Buchungssystem gesteuert. Viele Betten – selbst in kleinen Häusern auf dem platten Land –  waren im Jahresdurchschnitt an zwei von drei Tagen belegt.

Brix: So ist es: Veränderung und Neustrukturierung waren die Maxime auf allen Ebenen. In den drei ehemaligen Nordbezirken Schwerin, Rostock und Neubrandenburg existierten 1990 sehr viele Einrichtungen dieser Art, ich glaube, es waren mehr als 50 Jugendherbergen, die allesamt durch die Ämter für Jugendfragen/Körperkultur und Sport verwaltet wurden. Diese mussten in die Trägerschaft des neu gegründeten Landesverbandes überführt werden. Und das während alles draußen in den Häusern für die Gäste weiterlief. Ein Kraftakt für alle Beteiligten!

 

Und was waren die Ziele in dieser „Stunde Null“?

Brix: Grundlegendes Ziel war der Aufbau eines Betriebs. Hierbei wollten wir ursprünglich alle damals bestehenden Jugendherbergen erhalten, um dann ganz praktisch zunächst einen preisgünstigen Beherbergungsbetrieb für Jugendreisen aufzubauen.  Von Beginn an, und daran hat sich  bis heute nichts geändert, ging es uns darum, dass eine kaufmännische, professionelle Betriebsführung und ein ehrenamtliches Gremium – damals Vorstand, heute Aufsichtsrat – zusammenarbeiten, um die gemeinnützigen Satzungsziele in der Praxis eines modernen Jugendherbergsbetriebs umzusetzen. Gemeinnützige Ausrichtung und betriebswirtschaftliche Professionalität: Das war für mich noch nie ein Widerspruch, sondern das ist in all den Jahren die Grundvoraussetzung geblieben, um die Trägerstruktur bestandsfähig zu halten. Natürlich musste sich das erst mal in der Praxis einspielen und die Realität „erdete“ so manches Ideal.

Klehn: Genau! In der Satzung des Landesverbandes war der Vereinszweck in schönen Sätzen beschrieben. In der Praxis blieb der Betrieb der Jugendherbergen in M-V eine Riesenaufgabe – und das bis heute. Nicht alle bestehenden Häuser konnten in die Trägerschaft übernommen werden. Denn erst der Abschluss von langfristigen Pacht- und Betreiberverträgen ermöglichte eine staatliche Förderung für überlebenswichtige Investitionen. Neben Fördermitteln setzte der Landesverband erhebliche Eigenmittel ein, musste dafür große Kredite aufnehmen. Auch einige Kommunen unterstützten den Verband beim Ausbau der Häuser. Andere boten neben den schon vor der Wende existierenden Jugendherbergen neue Objekte an. Trotz der begrenzten Mittel des gemeinnützigen Vereins konnten mehrere Vorhaben verwirklicht werden. Im Mittelpunkt der Investitionen standen Qualitätssteigerungen: Sanitärräume wurden grundlegend saniert, Seminarräume geschaffen, bei größeren Um- und Anbauten erste Zimmer mit Dusche/WC ausgestattet. Auch im Betrieb änderte sich vieles: So gab es bei der Anreise nun statt der „Einweisung“ eine „Begrüßung“. Ein Reisedienst für Klassen und Gruppen sowie Familien wurde aufgebaut.

Brix: Übrigens, ein interessanter Aspekt: Das Frühstück wurde – damals neu – als Büffet angeboten und nicht mehr vom Küchenpersonal portionsweise herausgegeben. In Zeiten der Corona-Krise kehren wir zurück zu den Ursprüngen. Aufgrund der Corona-Schutzbestimmungen wurden in diesem Jahr die Mahlzeiten wieder portionsweise ausgegeben und Selbstbedienung am Büffet war Tabu.

 

Was bedeutete diese Zeit für das Ehrenamt?

Klehn: Ich erinnere mich an viele und oft lange Vorstandssitzungen – trotz sehr guter Vorbereitung. Denn es mussten unzählige Entscheidungen getroffen werden. Hut ab, was vor allem der engere Vorstand um den langjährigen Vorstandsvorsitzenden Dr. Rüdiger Hoppe in dieser Zeit und seitdem alle Ehrenamtlichen bis heute geleistet haben – ebenso wie die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Geschäftsstelle und in den Herbergen! Besonders spannend war für mich die inhaltliche und strategische Arbeit aus Sicht eines aktiven Nutzers – allein und mit der Familie. Und als Journalist interessierte mich natürlich die Kommunikation im Verband.

 

Hat sich das Kinder- und Jugendreisen im Wesen verändert? Welche Faktoren sind gleichgeblieben? Was stellen Sie im Rückblick auf 30 Jahre Vereinsgeschichte fest?

Klehn: Mein Ehrenamt beim DJH liegt viele Jahre zurück. Trotzdem beobachte ich sehr aufmerksam, was im Kinder- und Jugendreisebereich passiert – als Journalist, als Vater, als Gast. Ich finde: Auch nach mehr als 100 Jahren ist die Jugendherbergs-Idee faszinierend wie am ersten Tag. Vor allem junge Menschen können, unabhängig von ihrer Herkunft und auch mit kleinem Geldbeutel, die Welt entdecken, das Gefühl von Gemeinschaft erleben und dabei den Horizont erweitern.

Brix: Das, was unter unserem großen Ziel "Gemeinschaft erleben" zusammengefasst werden kann, hat sich nicht verändert. Aber die Ziele haben sich im Laufe der Jahre in der Praxis erweitert: Junge Menschen auf Reisen können in unseren Jugendherbergen heute nicht nur die Welt entdecken und anderen begegnen, unsere Jugendherbergen sind viel stärker zu außerschulischen Lernorten geworden. Die Qualifizierung von erlebnispädagogischen Klassenfahrten, Schwerpunkte wie Bildung für nachhaltige Entwicklung mithilfe von herbergseigenen Umweltpädagogen  oder Kooperationen mit Jugendbildungsträgern aus der Region, das gab es in den Anfängen nicht. Wir hatten damals noch zu viel zu tun mit der Aufbauarbeit. Heute gibt es im Landesverband eine strategische Produktentwicklung, die analysiert, wovon Jugendliche im außerschulischen Lernen im Hier und Jetzt profitieren können, was Lehrer von außerschulischen Angeboten erwarten. Und die Herbergsteams bringen ihre jahrzehntelange Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen in diese Angebote ein. Diese Professionalität war nicht von Beginn an vorhanden, sondern hat sich entwickelt.

Klehn: Natürlich gibt es heute unzählige andere Gastgeber. Auch vor der Haustür, im „Urlaubsland M-V“, ist die Konkurrenz riesig. Zeitgemäße Unterkünfte gibt es viele. Immer neue Anbieter kommen dazu – manche wenden sich vor allem an junge Menschen. Dort wird auch eine tolle Arbeit gemacht. Und ich selbst nutze sehr oft solche Angebote, schlafe aber auch gerne in DJH-Jugendherbergen. Und das könnte wieder mehr werden, wenn irgendwann Opa-Oma-Enkelkinder-Touren anstehen. Denn da haben für mich Jugendherbergen die Nase vorn – auch wenn sie inzwischen manchmal teurer sind als ein Familien-Zimmer im Hotel. Warum? Jugendherbergen sind weniger kommerzielle Orte. Dort ist wie im Sportverein oder Chor das Engagement für das Gemeinwesen spürbar – die Ursprungsidee der Jugendherbergsbewegung. Ihr Engagement in Begegnung und Gemeinschaft, in Bildung, Inklusion und Integration sichert den Jugendherbergen ihre Existenz. Deshalb haben sie ihren Platz mitten in der Gesellschaft. Natürlich müssen auch Jugendherbergen jeden Tag die Betten verkaufen. Aber sie müssen den Gästen auch verraten, was sie da mitkaufen: gesellschaftlichen Nutzen. Das darf gerne auch lauter gesagt werden!

Brix: Trotzdem spielt heute die materielle und technische Ausstattung der Häuser wirklich auch eine große Rolle und an vielen Standorten gibt es eine sehr moderne und stets funktionelle Ausstattung: eigene Sportplätze, Probenräume mit Klavieren, Seminarräume mit Tagungsausstattung. Die Jugendherbergen von heute versuchen auch hier die Bedürfnisse, die in der vielfältigen Jugendarbeit existieren, zu erkennen und zu erfüllen. Der perfekte Ort für die Chorprobenwoche, das Trainingslager, den Jugendleiterworkshop. Das hat sich erst über die Jahre auch hier im Land etabliert, hauptsächlich durch aufmerksames Beobachten der Bedürfnislagen unserer Zielgruppen und gutes Zuhören bei den Gruppenleitern. Da wurde vor der Anschaffung eines E-Pianos schon mal der gut bekannte Chorleiter angerufen und gefragt, welches Modell man kaufen soll. Immer näher an die Zielgruppen heranrücken für die wir da sein wollen, zuhören, Bedürfnisse verstehen, das war eine Entwicklung von den Anfängen bis heute.

Klehn: Und es würde heute auch gar nicht mehr anders funktionieren. Denn dafür ist die Konkurrenz auf dem Jugendreisemarkt viel zu groß.

 

Sich treu bleiben und zugleich mit der Zeit gehen: Wie kann das Deutsche Jugendherbergswerk in Mecklenburg-Vorpommern auf aktuelle Herausforderungen reagieren?

Klehn: Derzeit sind wir wohl alle in innerer Habachtstellung, kämpfen mit der Unsicherheit in Corona-Zeiten. Wir sind im internationalen Vergleich hierzulande bisher sehr gut durch die Krise gekommen und können das auch weiter schaffen, wenn wir zusammenhalten. Aber mir ist natürlich klar, dass viele „Herbergs-Menschen“ bang in die Zukunft blicken. Denn die wichtigste Zielgruppe, die Schulklasse, darf auf unbestimmte Zeit nur eingeschränkt oder gar nicht kommen. Ohne die Zahlen im Detail zu kennen, kann ich mir ausrechnen: Das führt den DJH-Landesverband M-V an den Rand der Existenz. Weil die Jugendherbergen in Mecklenburg-Vorpommern massiv an den Folgen der Corona-Pandemie leiden, fällt es mir schwer die Frage zu beantworten. Aber ich glaube fest daran, dass die „Kulturinstitution Jugendherberge“ eine Zukunft hat. Der Grund: die Vielfalt des Angebotes im DJH. Darin lag schon immer eine große Stärke. So ist es fast unmöglich, auch nur zwei Jugendherbergen miteinander zu vergleichen. Natürlich muss in jedem Haus grundsätzlich der Kurs stimmen, müssen Gesetze eingehalten und Mindeststandards garantiert werden. Aber schon die Frage, wann sich ein Standort „rechnet“, ist nicht pauschal zu beantworten. Das liegt zum Beispiel daran, wie hoch beim Bauen ins „Regal der Möglichkeiten“ gegriffen wird. Wenn ich in einer Hütte im norwegischen Fjell übernachte, mir mit Freunden ein kleines Ferienhaus am Kattegat teile oder Ende November ein Quartier auf Hiddensee buche, erwarte ich bestimmte Dinge und verzichte freiwillig auf viele andere. So geht es mir auch als Jugendherbergsgast. Sich im Urlaub bewusst zurückzunehmen, ist mehr als eine Mode. Zum Glück! Und die Corona-Pandemie schärft den kritischen Blick vieler Menschen auf den eigenen Fußabdruck weiter. Hier hat das DJH seit langer Zeit sehr viel vorzuweisen und muss sich wirklich nicht verstecken! Aber noch einmal: Zum Verkaufen gehört auch das Verraten. Wenn dazu jeder Umbau, jedes Angebot und jede Dienstleistung konsequent aus der Perspektive der Gäste heraus entwickelt wird, ist mir nicht bange um die DJH-Jugendherbergen. Aber dafür müssen die Macher deren Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse kennen. Damit meine ich weniger schulpädagogische Programme für Klassenfahrten oder technische Anforderungen an einen Tagungsraum. Vor allem geht es um das, was Kinder, Jugendliche, Familien und Gruppen wollen – und genau für diese Wünsche die passenden Räume anzubieten. Dann sind Jugendherbergen auch künftig mehr als nur ein Netzwerk von Übernachtungsstätten, sondern Ermöglicher.

Brix: Bedürfnisorientierung, da stimme ich voll und ganz zu. Aber wir stehen vor immer größeren Herausforderungen des Marktes: In Mecklenburg-Vorpommern sinkt die Zahl der statistisch erfassten Übernachtungen in unserem Segment seit Jahren und mit der Zeit sinkt auch die Anzahl der Häuser. Die Entwicklung in den letzten 10 Jahren ist da sehr eindeutig: Kinder und Jugendreisen in Mecklenburg-Vorpommern haben sich deutlich reduziert. Die Gründe sind vielfältig: demografischer Wandel, ein Strukturverlust in der meist ehrenamtlichen Jugendarbeit, auch Kinderarmut ist im Nordosten der Republik ein Thema. Daher ist meiner Ansicht nach die engere Kooperation von DJH-Landesverbänden oder sogar der überregionale Zusammenschluss unausweichlich, um das DJH im Ganzen zukunftsfähig zu machen. Dass wir alle so weiter machen und hoffen, dass alles wieder wird wie es war … Ich persönlich glaube nicht daran. Wir stehen als Gesellschaft vor großen Veränderungen, nicht nur wegen der Corona-Krise, vielleicht aber dadurch beschleunigt und notwendiger. Und mit den gesellschaftlichen Veränderungen muss sich auch – eigentlich wie eh und je! – die Jugendherbergslandschaft verändern und strukturell anpassen. Ich bin mir sicher, wenn wir uns trauen, gemeinsam die nächsten strukturellen Schritte zu gehen, sichern wir uns die nächsten 111 Jahre Deutsches Jugendherbergswerks, in Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus.

Klehn: Ich fühle mich bis heute ideell dem Jugendherbergswerk und der Idee dahinter stark verbunden, auch ohne Ehrenamt. Mit Wortmeldungen zur Arbeit des DJH halte ich mich seit Herbst 2003 zurück. Aber in Sachen Corona-Krise muss ich etwas loswerden: Die Jugendherbergsfamilie ist mir persönlich viel zu leise. Ehrenamt und Hauptamt plus ca. 2,5 Millionen Mitglieder in Deutschland könnten noch deutlicher formulieren, dass die Jugendherbergen, eine deutsche Erfindung, gerettet werden müssen. Unbedingt!

 

Lieber Herr Dr. Brix, lieber Herr Klehn, vielen lieben Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Miriam Gedrose, zuständig für die Unternehmenskommunikation beim DJH-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e. V.

  


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